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Gen-Schere CRISPR-Cas9: “Deutschland, wir müssen reden”

June 24, 2016

“Deutschland, wir müssen reden”, sagt Jörg Vogel, Direktor am Institut für Molekulare Infektionsbiologie der Universität Würzburg auf der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats in Berlin. Es geht um die Frage, inwiefern Forscher das Erbgut des Menschen verändern dürfen. Anlass der Debatte ist die Erfindung der Genschere CRISPR-Cas9. Mit ihr lässt sich das Erbgut von Tieren und Pflanzen günstig, einfach, schnell und besonders präzise anpassen.

Im April 2015 berichteten chinesische Forscher erstmals, auch menschliche Embryonen mit CRISPR-Cas9 genetisch verändert zu haben. Zwar waren diese Embryonen nicht lebensfähig, doch offenbarte die Forschung ein grundsätzliches Problem: Verändern Forscher das Erbgut menschlicher Embryonen, betrifft diese Veränderung auch die Keimbahn. Entsteht aus dem Embryo ein erwachsener Mensch, gibt er das manipulierte Genom über Ei- und Samenzellen an seine Kinder und damit an folgende Generationen weiter.

“Wenn man sich vor Augen führt, welche immensen Herausforderungen in diesem Zusammenhang auf uns zukommen, wundert man sich, dass es dazu noch keine intensivere Debatte gibt”, sagt Peter Dabrock, Theologe und Ethiker an der Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.




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Deutscher Ethikrat/ Reiner Zense

Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Weder Horrorerfindung noch Heilsbringer

Befürworter der Technik stellen in Aussicht, man könne mit CRISPR-Cas9 eines Tages möglicherweise Gendefekte im Embryo reparieren und damit schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose, Sichelzellanämie oder Muskeldystrophie verhindern. Kritiker fürchten dagegen, dass die Technik dazu genutzt werden könnte, Menschen mit mehr Muskeln oder musikalischem Talent zu kreieren.

Sowohl Heilsversprechen als auch Designerbaby-Befürchtungen scheinen derzeit allerdings unrealistisch. Die ersten Versuche an menschlichen Embryonen in China zeigten auch: So gut CRISPR-Cas9 bei vielen Tieren und Pflanzen funktioniert, beim Menschen macht die Genschere Fehler, schneidet etwa auch an Stellen, die unverändert bleiben sollen. “Forscher arbeiten derzeit daran, das Werkzeug zu verbessern”, berichtet Vogel.

Eine Lösung des ethischen Dilemmas ist die Fehleranfälligkeit beim Menschen langfristig also nicht. Und auch die derzeitige Ungenauigkeit der Methode ist ein Problem.

“Was die Keimbahnintervention vom normalen Heilversuch unterscheidet, ist, dass die Risiken nicht nur eine einzelne Person, sondern ganze Generationenfolgen betreffen”, sagt Dabrock. “Ich glaube, man wird solche Eingriffe in das menschliche Erbgut nicht verantworten können.” Bedenke man, dass die Nebenwirkungen vor einem Einsatz eigentlich über Jahrzehnte beobachtet werden müssten, müsse man die Versuche ja zunächst machen, was “normativ paradox” sei.

So funktioniert CRISPR-Cas9

Nicht weiterforschen kann auch falsch sein

Andere Forscher, etwa der Strafrechtler Reinhard Merkel von der Universität Hamburg, argumentieren, die weitere Forschung an menschlichen Embryonen sei sogar geboten, weil sich damit möglicherweise Krankheiten verhindern ließen.

“Es gibt auch eine Verantwortung fürs Unterlassen, das muss man sich schon klar machen”, sagt Dabrock. Die Folgen beider Entscheidungen – eines Verbots und einer Erlaubnis der Versuche – müssten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.

In der Praxis gibt es nur sehr wenige Fälle, in denen eine genetische Veränderung des Embryos heute zusätzlichen medizinischen Nutzen hätte. Um zu verhindern, dass ein Kind Mukoviszidose, Sichelzellanämie oder Muskeldystrophie erbt, können Eltern bereits auf die Präimplantationsdiagnostik (PID) zurückgreifen.

Embryonen bleiben immer übrig

Hier werden die Embryonen nach der künstlichen Befruchtung untersucht und nur in die Gebärmutter eingepflanzt, wenn sie keine schwerwiegenden genetischen Defekte tragen. Überschüssige Embryonen werden aussortiert, was bereits ethisch umstritten ist.

“Bevor man einen Embryo nach der künstlichen Befruchtung genetisch verändert, müsste man ohnehin eine PID machen”, argumentiert Sigrid Graumann von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und Mitglied im Ethikrat. Damit werde es hinfällig, Genfehler zu korrigieren.

Sinnvoll könnte der Einsatz der Technik lediglich in dem extrem seltenen Fall sein, dass Mutter und Vater an derselben Erbkrankheit leiden, sodass ihre Kinder den Defekt sicher erben. Bei anderen Veranlagungen zu Krankheiten ist dagegen in den allermeisten Fällen noch gar nicht klar, welche Gene das Krankheitsrisiko steuern.

Im Ausland geht die Forschung weiter

Auch viele Genforscher sprechen sich derzeit noch gegen weitere CRISPR-Cas9-Experimente an menschlichen Embryonen aus. Auf ein Moratorium konnten sie sich bei einem Treffen in Washington Ende Dezember jedoch nicht einigen. Spätestens, wenn die Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind, wird es im Ausland neue CRISPR-Cas9-Experimente geben.

Erst Anfang 2016 bekam eine britische Forschergruppe die Erlaubnis, künftig gezielt die Gene menschlicher Embryonen zu verändern. In Deutschland ist das bislang nicht erlaubt.

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